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Sellnitz

Ortsbetreuer: Gebhard Heinrich,  geb. 1926  in Sellnitz, Reinhold-Schneider-Straße 124, 76199 Karlsruhe, Tel. (0721) 884831

 

Sellnitz liegt im fruchtbaren und landschaftlich reizvollen Bielatal, 212 m über dem Meeresspiegel und ist von Phonolitbergen, Ausläufern des Böhmischen Mittelgebirges umgeben. Die südlich und südwestlich des Ortes gelegenen Berge, der "Sellnitzer" und der "Schladniger", erreichen eine Höhe von 455 bzw. 521 Metern; der "Schafferberg" oder "Ganghofer" im Norden ist 436 m hoch. Mit 539 m Höhe ist der Borschen im Osten der höchste Gipfel um Selinitz.

 

Die Gemarkung von Sellnitz umfaßt 625 ha Ackerland, Wiesen, Weiden und Wald. Während sich die Wiesen im Tal an den Ufern der Biela ausbreiten, die Felder und Weiden die Hanglagen einnehmen, umgeben die Waldungen die Fußlagen der Berge und ziehen sich auf den Höhenrücken bis in die mittleren Höhen der Berge hin.

 

Historische Daten

  • 1307 Erstmalige Erwähnung einer Kirche in Sellnitz
  • 1357 Kerunk und Kunz von Bruch,  Patrone der Selllnitzer Kirche
  • 1385 Peschik vonTynez, Patron der Kirche und Eigentümer des Sellnitzer Gutes
  • 1401 Neubau der Kirche St. Wenzel
  • 1403 Peter von Tynez, Besitzer der Burg Sellnitz
  • 1438 Schlacht bei Sellnitz im Hussitenkrieg
  • 1499 Erwerb des Ortes durch die Brüder Kolovrat
  • 1575 Verkauf des Sellnitzer Gutes an Wenzel Kaplirsch von Sulewiz
  • 1596 Erstmalige Erwähnung der Sellnitzer Mühle
  • 1668 Kauf des Gutes durch Sophie Agnes von Dietrichstein. Sellnitz kommt damit bis 1918 unter die Herrschaft der Fürsten von Lobkowitz zu Bilin
  • 1680 Pestepidemie, allein in Sellnitz 98 Todesopfer, Gelübde zum Hi. Rochus: Pestsäule, Eröffnung der einklassigen Schule durch Fürstin Marie von Lobkowitz
  • 1832 Großbrand
  • 1848 Einweihung der neuen Kirche
  • 1860 Nennung von zwei Ziegeleien und der Rochelt‑Mühle im Gemeindekataster
  • 1872 Eröffnung der Eisenbahnstrecke Pilsen ‑ Dux
  •  1880 Bevölkerungszahl Sellnitz : 463  Einwohner :  432 Deutsche , 31Tschechen, Alle Einwohner waren römisch‑katholisch.
  •  1888 Errichtung der Eisenbahnhaltestelle Sellnitz
  •  1893 Eröffnung der zweiklassigen Volksschule in einem Neubau
  •  1896 Bau eines Schotterwerks mit Steinburch
  •  1901 Fest des in den 80er Jahren gegründeten "Militär‑Veteranen Vereins" mit Fahnenweihe
  •  1897 Gründung des Vereins der Freiwilligen Feuerwehr
  •  1902 Eröffnung des Postamts
  •  1906 Administrative Neuorganisation der Gemeinde: Prohn, Schladnig und Pattogrö werden selbständig, nur Liebschitz und Ganghof gehören weiterhin zu Sellnitz.
  •  1911 Anschluß an das öffentliche Stromnetz
  •  1914 Einberufung aller wehrpflichtigen Männer
  •  1915 Ausgabe von Lebensmittelkarten
  •  1916 Abgabe der Kirchenglocken
  •  1922 Weihe von zwei neuen Glocken mit deutschsprachigen Mahntexten
  •  1930 Eröffnung eines zweiten Steinbruchs
  •  1928 Errichtung eines Kriegerdenkmals für die elf im 1. Weltkrieg gefallenen und vermißten Sellnitzer
  •  1932 Gründung des Deutschen Fußballclubs, Gründung des Katholischen Deutschen Frauenbunds, Gründung des Deutschen Turnvereins
  •  1933 Gründung des Arbeiter Turn‑ und Sportvereins ATUS
  •  1935 Errichtung einer zweiklassigen Volksschule und eines Kindergartens für tschechische Kinder
  •  1939/45 2. Weltkrieg : Einsatz von "Ostarbeitern" und Kriegsinternierten in der Landwirtschaft und in den Steinbrüchen. Trecks von schlesischen Flüchtlingen Zahlreiche Verwundete, Vermißte und Tote in der Gemeinde.

 

Sellnitz im Jahre 1945

 

Das Dorf hatte 560 Einwohner, davon waren 53 Tschechen, es zählte 133 Häuser und die Bewohner gehörten fast ausschließlich der römisch‑katholischen Religion an. Die Gemarkung umfaßte 625 ha Ackerland, Wiesen, Weiden und Wald. Mittelpunkt des Ortes war der Dorfplatz mit der Pfarrkirche zum "Heiligen Wenzel", dem Rochus‑ und dem Kriegerdenkmal. 24 landwirtschaftliche Anwesen bildeten den Kern des Ortes und gaben ihm seinen bäuerlichen Charakter. Die zweiklassige deutsche Volksschule wurde von durchschnittlich 70 Kindern aus Sellnitz und Ganghof besucht. In den beiden Steinbrüchen und Schotterwerken fanden viele Erwerbstätige ihr Auskommen. Andere waren als Bergarbeiter in den Kohleschächten der Umgebung und als Eisenbahner in Bilin und Obernitz beschäftigt.

 

Institutionen in Sellnitz

Bürgermeisteramt

Ernst Schwab, Bürgermeister, Karl Müller, Sekretär

Standesamt 

Leiter Anton Haun, Karl Müller

Katholisches Pfarramt

Dechant Franz Tandler

Polizeidienststelle

Polizeimeister Willi Chelvier und Hans Parnt

Poststelle

Leiter Franz Heinrich u. E. Fleischer, Postbote

Spar- und Darlehenskasse

Leiter Franz Twrdy

Gemeindebücherei

Leiter Franz Twrdy

Volksschule

Schulleiter Anton Haun, Lehrerin G. Mündel

Kindergarten

Marianne Rudolf, Helferin

 

Industrie ‑ Gewerbe – Handel

  • Steinbruch u. Schottenwerk Mühlig‑Union (vormals Stein & co.)
  • Steinbruch u. Schottenwerk Adolf Rulf – Mühlenwerk Viktor Rochelt
  • Gasthaus: Josefine Eckert -- Gasthaus; Marie 5cheithauer
  • Lebensmittel : Franz Heinrich – Lebensmittel : Marie Grund
  • Huf‑ u. Wagenschmiede: Josef Andersch – Schuhmacherei: Karl Hollomotz
  • Möbeltischlerei: Rudolf Weiner – Wagnerei: Anton Spor,
  • Bierabfüllerei: Heinrich Tropschuh – Fleischhauerei: Fil. Wagner

Landwirtschaftliche Betriebe

  • Andersch Josef
  • Dittrich Josef
  • Eckert Albin
  • Göbelt Alois
  • Herm Anton
  • Hortig Josef J
  • Jaksch Anton
  • Karwath Otto
  • Karwath Franz
  • Klug Edwin
  • Mattauschowitz Max
  • Richter Otto
  • Scheit­hauer Alois
  • Scheithauer Max
  • Scheithauer Wenzel
  • Schwab Ernst­
  • Schneider Fritz
  • Stark Ernst
  • Tropschuh Anna
  • Willner Wenzel
  • Willner Ferdinand
  • Zeppel Emil
  • Zilcher Ferdinand

 

Vertreibung im Jahre 1945

 

Am 8. Mai 1945 besetzten sowjetische Einheiten unser Dorf. Am glei­chen Tag übernahmen Sellnitzer Tschechen die Verwaltung. Bald tra­fen Revolutionsgardisten im Ort ein und entfachten ein Schreckens­regiment, für das jegliche Vorstellung fehlte. Schmuck, Waffen und Wertgegenstände mußte die deutsche Bevölkerung sofort abgeben. Al­le Männer, die eine NS‑Funktion oder ein Amt in der Verwaltung hatten, wurden verhaftet.

 

In Sellnitz wurden eingesperrt:

Ernst Schwab, Josef Dittrich, Wenzel Willner, Emil Zeppel, Anton Haun, Karl Müller, Adolf Rulf, Leopold Scheithauer, Wenzel Waborzil, Hans Parnt und Dechant Franz Tandler.

 

Karl Müller, Gemeindevorsteher bis 1938, wurde im Gerichtsgefängnis Bilin erschlagen. Der Steinbruchbesitzer Adolf Rulf wurde totgeprügelt, obwohl bekannt war, daß er ein Gegner der Nationalsozialisten war.  Bürgermeister und Oberlehrer Anton Haun wurde im Landratsamt Bilin getötet und aus dem dritten Stock zum Fenster herausgeworfen. Friseur Wenzel Woborzil wurde ebenfalls im Gerichtsgefängnis Bilin ermordet.

 

Zunächst wollten viele nicht glauben, was man hörte. Wer will schon zur Kenntnis nehmen, was menschlicher Verstand nicht fassen kann ? Alle Deutschen sollen nach Deutschland ausgesiedelt werden. Sie wurden pauschal für die Untaten des Naziregimes verantwortlich gemacht. Ein lähmendes Entsetzen lag über unserer Heimat und den verschreckten Menschen.

 

In Sellnitz wurde ein Großteil der deutschen Bevölkerung am 5. Juli 1945 vertrieben. Revolutionsgardisten teilten am Vortage der deutschen Bevölkerung mit, daß sie morgen nicht ihre Wohnungen verlassen dürfen. Im Laufe des nächsten Tages erschienen in den Häusern der zur Ausweisung bestimmten Familien, mit Peitschen und Schußwaffen ausgerüstete Soldaten und forderten die Inwohner auf, innerhalb weniger Minuten die Wohnungen zu verlassen. Nur Bekleidung und Verpflegung für drei Tage erlaubten sie mitzunehmen.

 

Dann durchsuchten die Partisanen nochmals die Zimmer. Sie drohten mit Erschießen, falls noch Wertsachen gefunden werden sollten. Mit dem allernotwendigsten Gepäck in den Händen, unfähig zu klagen, ohne einen Blick zurück zu werfen, verließen die Menschen ihre Häuser und wurden bewacht in Eckert''s Gasthaus getrieben. Die Männer wurden von ihren Familien getrennt und durften kein Wort mehr miteinander sprechen.

 

In Dreierreihen aufgestellt, wie Schwerverbrecher bewacht, standen wir stundenlang auf dem Hof, bis wir dreißig Männer am späten Nachmittag abmarschierten. Beim Marsch durch das Dorf mußten wir immer wieder im Sprechchor schreien: "Wir danken unserem Führer" und "Wir wollen heim in's Reich". Dabei gab es immer wieder Prügel mit Stock und Peitsche. Das geschah am 5. Juli 1945. Das war der Tag, an dem die meisten Deutschen aus Sellnitz vertrieben wurden. Die verbliebenen Deutschen wurden im Laufe der Jahre 1945 und 1946 ausgesiedelt.

gez. Gebhard  Heinrich

 

Amüsante Geschichten aus Sellnitz  

(erzählt von Herrn Gebhard Heinrich)

 

Karfreitag

Bei uns daheim war der Karfreitag kein Feiertag. Die Schulkinder hatten in der Karwoche Osterferien, ansonsten gingen an diesem Tage alle ihrer Arbeit nach und die Geschäfte waren offen. So kam an einem Karfreitag eine Bäuerin aus Ganghof - wie an jedem Freitag - zum Einkaufen nach Sellnitz. Dabei versäumte sie nie, auch einen Sprung in die Kirche zu gehen, ein Vaterunser zu beten und beim Heiligen Antonius eine Kerze aufzustecken.

 

Als sie wieder einmal an einem Karfreitag in das Gotteshaus kam, sah sie gerade den Pfarrer in die Sakristei gehen. Da kam ihr der Gedanke, bei dieser Gelegenheit auch gleich zu beichten. Als der Geistliche wieder heraus kam, fragte sie ihn, ab er ihr die Beichte abnehmen würde. - "Aber gute Frau, unser Heiland ist doch Karfreitag gestorben, da kann man nicht beichten", antwortete der Priester. Da schlug die Frau die Hände übern Kopf zusammen und stammelte: "Na gien se ogge (na gehen sie nur) Hochwirden, wos se nich sogn. Na jo, mir hom ke Radio und kene Zeitung, do erfährt mo reene gornischt, wos su in der Welt passiert".

 

Eisenbahn

Als 1872 die Eisenbahnstrecke Pilsen - Dux gebaut wurde, bekam Sellnitz eine Haltestelle für Personenzüge. Ursprünglich sollte die Bahn durch das Dorf führen, aber der Vlassakbauer war dagegen. Im Gasthaus Uhl -später Eckert - schilderte ein Bahningeneur den Leuten die geplante Bahnlinie und erläuterte die Trasse. Er sprach: "Die Bahn kommt von der Rochelt-Mühle, streift bei Willner's Stallungen vorbei, macht einen großen Bogen in Richtung Pfarrei und dann geht sie direkt beim Vlassakbauer durch die. Scheune".

 

Da springt der alte Vlassak auf und brüllt: "Do werd nischt draus, lieber Herr. Ich stell mich doch nich den ganzen Tog hin und moch immer s Scheinentor auf und zu“.

Elektrischer Strom

 

Nach langem hin und her hatte der Sellnitzer Gemeinderat 1911 beschlossen, den Ort an das elektrische Stromnetz anzuschließen. Es war ein langjähriger Kampf des Ortsvorstehers, bis er die Bauern endlich von den Vorteilen des elektrischen Lichtes überzeugen konnte. Die Bewohner wurden vom Ortsvorsteher zu einer Versammlung eingeladen und von einem Beamten des Elektrizitätswerkes über die Neuheit Lichtstrom aufgeklärt. Es war alles klar, bis auf die Frage, wo der Transformator untergebracht werden solle.

 

Sie zerbrachen sich die Köpfe, bis einer aufstand und sagte: "Des is doch ganz einfoch, schlofen tut der Herr Transformator bei mir und essen gieht er jeden Tog in e anderes Haus".

 

Dicke Kerze

Ein Bauer mußte mit seinem schwerbeladenen Fuhrwerk die steile Straße nach Ganghof hinauf fahren. Aber so sehr sich die Pferde auch mühten, der Wagen bewegte sich nicht. Der Bauer fluchte und tobte, alles war vergebens. Da fing er in seiner Not an zu beten: "Heiliche Mutter Gottes, half mir ner heite noch emol do nauf. Ich steck dir a in der Kerche ene Kerze auf, su dick wie mein Orm !“ 

 

Sein kleiner Junge, der am Wagen saß, rief angsterfüllt: „Votter, su ene Kerze kust doch en Haufn Geld !"  Da sagte der Vater: "Halt doch deine bleede Gusche, loß uns doch erscht mol ubn sein!"

 

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